Endlich war es soweit. Bis zum vereinbarten Zeitpunkt waren es noch zehn Minuten und ich konnte mich allmählich auf den Weg zum Hotel machen. Im Vorfeld habe ich das Hotel gegoogelt und die Fotos, vor allem jene vom Eingangsbereich genau inspiziert. Ich wollte bei meinem ersten Escort-Date auf keinen Fall Aufsehen erregen, war ich doch ohnehin schon nervös genug. Bisher war ich höchstens mal in kleinen, familiären Hotels im Urlaub, sodass mich das große Foyer schon einschüchterte. Es erleichterte mich, dass ich außer den High Heels ganz gewöhnliche Kleidung trug, die ich auch, vielleicht beim einem Vorstellungsgespräch tragen würde. Nichts an mir war auffällig. Trotzdem befürchtete ich, gefragt zu werden, wohin mich mein Weg denn führte. Nichts dergleichen geschah. Stattdessen nickte man mir im Foyer kurz zu, während die Rezeptionistin keinerlei Notiz von mir nahm. Ich blickte mich suchend um. Die Aufzüge waren in einer Ecke, ein wenig versteckt, aber nicht unauffindbar. Ein Glück. Zielstrebig schritt ich meinem Ziel entgegen. Jetzt bloß nicht stolpern. Vor Aufregung konnte ich nur unregelmäßig atmen.

Ich war sehr erleichtert, dass der Lift ohne Zimmerkarte zu bedienen war. Dennoch machte mir meine Nervosität immer mehr zu schaffen. Mein allererstes Date – und dann auch noch direkt auf dem Hotelzimmer. Mir war bewusst, was das bedeutete. Ich hätte es wahrscheinlich schöner gefunden, mehr Zeit gehabt zu haben, etwas gemeinsam zu essen, sich in Ruhe kennenzulernen und erst dann das Hotelzimmer aufzusuchen – allerdings könnten zwei Stunden dafür, dass ich noch absolut keine Erfahrungen in der Branche hatte, auch eine recht lange Zeit sein. Es war wie im Film: Ich überprüfte noch einmal kurz die Zimmernummer, die Anna mir geschickte hatte, mit der vor meinen Augen, atmete tief durch und klopfte dreimal zaghaft.

Es dauerte nicht lange und die Tür öffnete sich. Ich blickte direkt in ein strahlendes Lächeln mit freundlich aufblitzenden Augen. Er war jung, gepflegt, gutaussehend. Ich hatte mir kein genaues Bild davon ausgemalt, wie ein typischer Kunde aussehen würde, aber dies war es definitiv nicht. Er war unglaublich freundlich und aufmerksam mir gegenüber: sofort bot er mir etwas zu trinken an und bat mich zu setzen. Meine Nervosität war wohl ziemlich offensichtlich, aber er wusste wahnsinnig gut damit umzugehen. Direkt verfielen wir in ein angeregtes Gespräch und fanden sogar viele gemeinsame Interessen.

Ich fing an auszublenden, mit welchem Hintergrund ich in dieses Hotelzimmer gelangt war. Auch das half mir, mich vollkommen auf den Moment zu konzentrieren und ich wurde noch entspannter. Ja, die Sache fing an, mir richtigen Spaß zu bereiten – und so sollte es sein. Über weiteren Verlauf des Dates hülle ich einmal, wie man so schön sagt, den Mantel des Schweigens – sei es doch gut vorstellbar, wohin solch eine Situation schnell verleitet werde. Ich kann nur soviel sagen, dass es trotz den hohen Außentemperaturen ziemlich heiß im Zimmer wurde…

Die Zeit verging wie im Flug. Unsere Verabschiedung war das Seltsamste an der ganzen Geschichte, waren wir uns doch gerade noch leidenschaftliche Geliebte – und nun? Ich versuchte mich gar nicht erst an einem verheißungsvollen Kuss, da ich genau wusste, dass ich das jetzt nicht authentisch herüberbringen konnte. Und wer mich je gedatet hat weiß: meine Authentizität habe ich nie verloren. Also blieb es bei einem unbeholfenen Lächeln, einem Küsschen auf die Wange und einem letzen Winken, sodann sich die Hoteltüre wieder hinter mir verschloss.

Schließlich saß ich wieder im ICE. Nun war eigentlich der Moment für Gewissensbisse, Zweifel oder gar Schuldgefühle. Doch wem gegenüber? Es mag pathetisch klingen, aber ich fühlte mich so unbeschwert wie schon lange nicht mehr. Unbeschwert, frei und ein bisschen unbesiegbar. Die Gedanken, an das, was dort gerade in dem Hotelzimmer passiert war, ließen mich lächeln und ich wusste genau, dass ich diese Erfahrung für immer in meiner Erinnerung behalten würde.